Freitag: Anreise

Nach zwei Jahren Pandemie bedingter Pause war der idyllische Ferienort Leutasch dieses Jahr erneut Schauplatz des traditionsreichen Mannschafts-Schnellschachturniers. Wer das Pfingstwochenende einmal auf diese Weise verbracht hat, kommt schwerlich wieder davon los.

 

Seit der 36. Ausgabe im Jahr 2019 ist auch der MSA Zugzwang vertreten. Damals belegten Léon, Stefan B., Uli und ich den vierten Platz. Dieses Jahr rückte Georg Schmidt vom Schachclub Unterhaching für Uli in die Mannschaft. Somit erwiderten wir die Gastfreundschaft der Hachinger, in deren Teams ich in der Vergangenheit mehrmals spielen durfte.

Leutasch ist von München aus gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Per Regionalzug gelangt man in gut zwei Stunden ohne Umsteigen nach Seefeld in Tirol. Von dort sind es mit Bus oder Taxi nur wenige Kilometer bis Leutasch. Wegen des tragischen Zugunglücks nahe Burgrain verzögerte sich unsere Anreise heuer. Gleichwohl trafen wir alle am Freitagabend im Hotel Alpennest ein: vis-à-vis der Weidachstube, dem abendlichen kulinarischen Treffpunkt der Schachspieler und fünfzehn Gehminuten vom Alpenbad, dem Spielort entfernt.

 

Samstag: kleine Wanderung und Vorrunde

Auch dieses Jahr entschieden wir uns dafür, die Vorrunde am Nachmittag zu absolvieren und konnten daher gemütlich frühstücken. Den restlichen Vormittag verbrachten wir touristisch, teambildend mit einem Spaziergang zur Aussichtsplattform Kurblhang. Hier unsere Mannschaft vor herrlicher Bergkulisse:

Foto 1

v.l.n.r.: GM Stefan Bromberger, FM Christoph Eichler, GM Léon Mons, FM Georg Schmidt

Um 15 Uhr begann für uns das eigentliche Event mit der Vorrunde. Gespielt wurde erstmals mit Inkrement, 8 Minuten + 3 Sekunden pro Spieler und Partie. Im Übrigen galten die FIDE-Regeln mit einer kleinen Modifikation: klingelnde Handys hatten keinerlei sportliche Konsequenzen, verpflichteten aber zu einer Runde Bier an die komplette gegnerische Mannschaft. Dementsprechend wurde der erste "Übeltäter" mit spontanem Szenenapplaus bedacht. Apropos bierernst: einige Teams untermauerten ihre Namen mit Verkleidungen oder Accesoires. "Die Hexen" trugen imposante Zauberhüte und "Das Abrisskommando" trat mit Blaumännern und Bauhelmen auf.

Ich persönlich erhielt meine kalte Willkommensdusche beim Einspielen mit Léon und Georg und startete mit 0 aus 3 in den Tag. Wenigstens waren damit 75% meiner Niederlagen des gesamten Wochenendes abgegolten. Die Qualifikation für das A-Finale bereitete uns keine nennenswerten Schwierigkeiten. Während Stefan (Brett 2), Georg (Brett 3) und ich (Brett 4) mit je 7 aus 9 mannschaftliche Geschlossenheit demonstrierten, deutete Léon (Brett 1) mit 8,5 aus 9 seine überragende Form an. Hier eine Kostprobe:

Diagramm 1

FM de Francesco – GM Mons, Stellung nach 31. Dxb7, Schwarz am Zug (leicht). Alles Lösungen am Ende des Beitrags.

Ausklingen ließen wir den Samstagabend standesgemäß in der Weidachstube bei Tiroler Spezialitäten.

 

Pfingstsonntag: Ausruhen und A-Finale

Die drückende Hitze des Vormittags kündigte bereits die heftigen Niederschläge des Nachmittags an. Daher beließen wir es bei kleineren Spaziergängen oder gar einer extra Mütze Schlaf. Einzig Georg erklomm in Hachinger Tradition den Katzenkopf.

Foto 2

Wanderweg und Sessellift auf den Katzenkopf

Die hervorragenden Turnierleiter hatten den Beginn des A- und B-Finales wohlweislich auf 14 Uhr vorverlegt. Gespielt wurde mit 14 Mannschaften im Vollrundensystem. In der Endabrechnung zählen ausschließlich die Brettpunkte, was jeder einzelnen Partie Bedeutung verleiht. Die beiden Rekordsieger Schenkbach 1 (Ø 2367) und Erfurt 1 (Ø 2353) zählten gemeinsam mit uns (Ø 2383) zu den "Elo-Favoriten". Diesen drei Teams sollte es tatsächlich gelingen, den Rest des Feldes zu distanzieren. Der Dreikampf selbst verlief spannend.

Gleich in der zweiten Runde kam es zum Spitzenduell gegen Schenkbach 1.

Foto 3

Während der Eröffnung schien die Welt noch in Ordnung: im Vordergrund FM Eichler gegen IM Hammes (Brett 4), dahinter FM Schmidt gegen GM Hoffmann (Brett 3), GM Bromberger gegen FM Barzen (Brett 2), sowie GM Mons gegen IM Wegener (Brett 1) unter den Augen fachkundiger Kiebitze.

Zu unserem Leidwesen verpassten uns die Schenkbacher eine herbe Klatsche. Wir wurden mit 0,5 - 3,5 von den Brettern gefegt. Zum Glück ließen wir uns davon nicht entmutigen und begannen unsere Aufholjagd, indem wir in den folgenden Runden hohe Siege einfuhren.

(Böse Zungen behaupten nicht nur) Im Schnellschach verlege ich mich am liebsten darauf, Beton anzurühren und auf Fehler der Gegner zu warten. Hier das erste Beispiel aus der vierten Runde:

Diagramm 2

FM Eichler – FM Fritz, Stellung nach 19. ... Tfb8?!. Weiß am Zug (Schlüsselzug leicht, beste schwarze Erwiderung mittel).

Erst in Runde sieben gelang es den „FC Bayern Senioren“ uns mehr als einen halben Brettpunkt abzutrotzen. Am ersten Brett spielte Léon gegen IM Christoph Renner und formulierte selbst die folgende Aufgabenstellung:

Diagramm 3a

GM Mons – IM Renner. Ist 1. De5 ein guter Zug? (sehr schwer).

In der zehnten Runde gelang Stefan eine sehenswerte Partie gegen „die Groben“ vom Schachclub Gröbenzell:

Diagramm 4

FM Schuster – GM Bromberger, Stellung 14. Se5?!, Schwarz am Zug (mittel).

Nach diesem 3,5 – 0,5 führten wir die Tabelle knapp vor Schenkbach 1 und Erfurt 1 an. Allerdings hatte Schenkbach 1 bereits alle nominell schwierigen Gegner hinter sich und für uns stand in Runde 11 das zweite direkte Spitzenspiel gegen Erfurt 1 an.

Foto 4

Im Vordergrund IM Bräuer gegen GM Mons (Brett 1), GM Enders und GM Bromberger (Brett 2), IM Müller gegen FM Schmidt (Brett 3), IM Brüggemann gegen FM Eichler (Brett 4).

Dieses Mal konnten wir uns behaupten und gewannen mit 2,5 – 1,5. Hier der entscheidende Moment meiner Partie:

Diagramm 5

FM Eichler – IM Brüggemann, Stellung nach 21. … Ted8?, Weiß am Zug (leicht)

Vor der letzten Runde führten wir mit einem Brettpunkt vor Schenkbach 1, hatten jedoch mit Erfurt 2 den stärkeren Gegner und die Hypothek des verlorenen direkten Vergleichs aus der 2. Runde. Ein 3,5 – 0,5 hätte den sicheren ersten Platz bedeutet. Dagegen hatte die zweite Mannschaft aus Erfurt allerdings zu gute Argumente bzw. Züge einzuwenden. Dass wir schließlich mit 3 – 1 gewannen ist Georgs unermüdlichen Kampfgeist zu verdanken:

Diagramm 6a

Krüger – FM Schmidt. Stellung nach 1. Dc7. In dieser Phase bot Weiß remis. Nicht mit Georg, der im Sinne der Mannschaft weiterspielte. Welchen Zug fand er, um die Partie am Laufen zu halten? (mittel).

Da auch Schenkbach 1 in der letzten Runde nicht über ein 3 -1 hinaus kam, hatten wir das Turnier hauchdünn gewonnen.

Foto 5

Unsere Mannschaft bei der Siegerehrung.

Darüber hinaus durften sich Léon (mit überragenden 12 aus 13 am ersten Brett, Performance ca. 2687), Georg (geteilt mit GM Hoffmann) und ich über den Gewinn des jeweiligen Brettpreises freuen.

Foto 6

Die Gewinner der Brettpreise. GM Enders (Brett 2), GM Mons (Brett 1), FM Schmidt und GM Hofffmann (Brett 3), FM Eichler (Brett 4).

Wie knapp es zwischen den ersten drei Teams zuging verdeutlichen die folgenden Tabellen.

A-Finale, Leutasch Pfingsten 2022

Rang

Mannschaft

Brettpunkte

1

MSA Zugzwang

42,5 – 9,5

2

Schenkbach 1

41,5 – 10,5

3

Erfurt 1

39,5 – 12,5

4

Die Groben

30,0 – 22,0

5

Union Ansfelden

28,5 – 23,5

6

Erfurt 2

28,5 – 23,5

Brett 1:

Rang

Spieler

Mannschaft

Brettpunkte

1

GM Mons

MSA Zugzwang

12,0

2

IM Wegener

Schenkbach 1

11,0

3

IM Bräuer

Erfurt 1

9,5

4

IM Weiss

Union Ansfelden

9,0

5

IM Troyke

Erfurt 2

7,0

6

FM Mooser

Isental

6,5

Brett 2:

Rang

Spieler

Mannschaft

Brettpunkte

1

GM Enders

Erfurt 1

11,0

2

FM Barzen

Schenkbach 1

10,0

3

GM Bromberger

MSA Zugzwang

9,0

4

IM Casper

Erfurt 2

8,5

5

FM Schuster

Die Groben

7,5

6

Mooser

Isental

6,5

Brett 3:

Rang

Spieler

Mannschaft

Brettpunkte

1

GM Hoffmann

Schenkbach 1

11,0

1

FM Schmidt

MSA Zugzwang

11,0

3

IM Müller

Erfurt 1

10,5

4

Lang

Schwäbisch Gmünd

8,0

4

Peterson

Schenkbach 2

8,0

6

FM Moser

Union Ansfelden

7,0

Brett 4:

Rang

Spieler

Mannschaft

Brettpunkte

1

FM Eichler

MSA Zugzwang

10,5

2

Fössmeier

Die Groben

10,0

3

IM Hammes

Schenkbach 1

9,5

4

Terhorst

Erfurt 2

8,5

4

IM Brüggemann

Erfurt 1

8,5

6

IM Casagrande

Union Ansfelden

7,0

Pfingstmontag: Abreise und Zukunftspläne

Nachdem die Siegesfeier am Sonntagabend wegen allgemeiner Erschöpfung kurz ausgefallen war, herrschte auf der Rückreise am Montag gelöste Stimmung. Zudem ist nach Pfingsten bekanntlich vor Pfingsten. Die Veranstalter kündigten bereits an, dass das Turnier auch kommendes Pfingstwochenende (28./29. Mai 2023) wieder stattfindet und dann wollen wir uns der Mission Titelverteidigung stellen. Die Konkurrenz wird es uns sicherlich nicht leicht machen. Außerdem würden wir uns über Konkurrenz aus den eigenen Reihen freuen! Aufgrund des Formats mit Vorrunden und verschiedenen Final-Gruppen ist das Turnier für alle Spielstärken interessant und kurzweilig. Vielleicht findet sich im Jahr 2023 ein zweites MSA Zugzwang Team in Leutasch ein?!

Lösungen:

1) FM de Francesco – GM Mons. Weiß gewinnt zwar seinen Turm zurück, hat aber wenig Freude daran, denn mit 31. ... Te1! opfert Léon auch seinen zweiten Turm, besiegelt jedoch das Schicksal des weißen Monarchen. Es folgte noch 32. Dxa8+ Kg7 33. Dxa7+ Kg6 und Weiß hab auf. (auch das profane 31. ... Txg4 gewinnt.)

2) FM Eichler – FM Fritz: 20. b4! stellte Schwarz vor erhebliche Schwierigkeiten. In der Partie folgte 20. … Dxb4? und nach 21. Lxc5 Dxc5 22. Txa6 stand Weiß glatt auf Gewinn. Erheblichen Widerstand leistete 20. … Lxe2 21. bxc5 und nun 21. … Db2!? (ich hatte nur 21. … Db4 auf dem Schirm) 22. Da1 dxc5 und Schwarz kann kämpfen.

3) GM Mons – IM Renner: die objektive Antwort muss nein lauten. In der Partie geschah 1. De5 Dxe5 2. dxe5 Kf7 3. e4 Ke6! (3. … d4 4. a4! Ke6 5. Ke2!) 4. Ke3 Kxe5 5. exd5 Kxd5 6. Kf4 Ke6 7. Kg5 Kf7 8. Kh6 Kf6 9. g5+ und Schwarz gab angesichts 9. … Kf5 10. a4! auf. Allerdings verfügte Schwarz über eine studienartige Rettung. Dazu nochmals die Stellung nach 5. exd5:

Diagramm 3b

Mit 5. … a4!! konnte Schwarz die Partie retten. Diese Feinheit war sogar Léon entgangen. Der weiße d-Bauer läuft nicht weg und ohne Reservetempo am Damenflügel ginge der weiße Königsmarsch nach g5 sogar nach hinten los.

4) FM Schuster – GM Bromberger. 14. … b5! Stefans Gespür für dynamische Ressourcen ist instruktiv. Selbst mein Computer benötigt über 2 Sekunden, sprich eine Ewigkeit, um die Stärke dieses Zuges zu erkennen. Weiß muss den Bauern nolens volens schlagen und gerät unter Druck. Die folgenden Kommentare stammen von Stefan selbst: 15. Dxb5 Tb8 16. Da4 Txb2?! (16. … Sxe5! 17. dxe5 und hier gewann „natürlich“ 17. … g5) 17. 0-0-0? (damit rechnete ich, jedoch hätte 17. Sd3 zum Ausgleich gereicht.) 17. … Db8 jetzt läuft wieder alles am Schnürchen. Der weiße König ist zu schwach. 18. Sc4 Sb6 19. Sxb6 Dxb6 20. Lxf6 gxf6 21. d5 Ta2 0-1

5) FM Eichler – IM Brüggemann. Das schwarze Ross auf a4 hat sich vergaloppiert und wäre dringend auf Hilfe angewiesen gewesen. 21. … De7 hätte diese gewährleistet. Jetzt folgte 22. Sd2 und die schwarze Lage ist hoffnungslos. 22. … Td4 (auf 22. … b5 folgt ebenfalls 23. b3) 23. b3 Sxc5 24. Dxc5 Tad8 25. Dc2 Dg6 26. Sf3 T4d7 27. Sxe5 1-0

6) Krüger – FM Schmidt. Nur mit 1. … Db7! vermeidet Schwarz, dass die Partie endgültig verflacht. Nach 2. Tc2 Tfc8 3. Dxb7 Txb7 4. Txc8 Lxc8 5. Tc1 Ld7 kontrolliert Weiß zwar die c-Linie, kann allerdings keinen unmittelbaren Profit daraus schlagen. Georg gelang es das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Einige Züge später stand er bereits angenehmer...

Diagramm 6b

… und schickte sich an, den ganzen Punkt einzufahren.

   
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