Klare Niederlage trotz fünf Weißpartien

Nach unserem fulminanten Saisonstart mit Erfolgen gegen Unterhaching und Freising (Uli berichtete ausführlich) mussten wir am vergangen Sonntag gegen die Schachfreunde vom SK Tarrasch die erste Niederlage hinnehmen. Unsere, vor der Begegnung, in der Tabelle exakt gleichauf liegenden Gastgeber waren mit 2168 gegen 2119 im DWZ-Schnitt favorisiert und wurden dieser Rolle im Ergebnis gerecht. Obwohl wir fünf Weißpartien spielen durften...

 

Brett 8: Reinhard, Chetan - Lerch, Martin

Nach 1. e3 e5 2. e4 (?!) erfreute sich auch Martin Erik des Anzugsvorteils. Allerdings nur kurz, denn die etwas fragwürdige Strategie seines Gegners ging tatsächlich auf. Martin Erik kam in einer "umgekehrten" Wiener Partie rasch vom rechten Pfad ab und geriet gehörig unter Druck. Die zweite Überraschung ließ indes nicht auf sich warten und kam in Gestalt eines frühen Remisangebots daher, das Martin Erik dankend annahm.
 

Brett 7: Tebelmann, Lars - Tauber, Manfred

Unser Kapitän bekam es mit einer Institution der Münchener Schachszene zu tun. Der Routinier Tauber spielte in der Hauptvariante des Katalanen auf 7. Se5 das weniger verbreitete 7. ... c5. Was mir im Vorbeigehen aufgrund der exponierten schwarzen Dame etwas wackelig erschien, erweis sich in Wahrheit als hervorragende Eröffnungsführung, die Manfred Tauber mittels 16. ... b5 in klaren Vorteil hätte ummünzen können.

 

 

Stattdessen vergriff er sich am Bauern a2 und Lars war mittels 17. Dc3, gefolgt von 18. Sxe5 wieder voll im Geschäft. Später trennte sich Lars vom Läuferpaar - vielleicht hatte er die Riposte auf eine Springergabel übersehen - und geriet abermals unter Druck. Dieses Mal lies Tauber nicht mehr locker und rang, den sich tapfer wehrenden Lars, nach über fünf Stunden Spielzeit im Endspiel nieder.

Brett 6: Klenk, Robert - Müller, Lukas

An Brett 6 spielte Lukas gegen meinen Jugendtrainer Robert. Robert und ich ließen es uns nicht nehmen, in Erinnerungen zu schwelgen. Zurück in der Gegenwart entstand die Karlsbader Struktur. Mit seinem 11. Zug hätte Lukas die Chance gehabt, in eine bekannte Falle zu tappen. Nach 11. ... Sh5? hätte es ein böses Erwachen gegeben:

Weiß am Zug, wohlgemerkt keine Partiestellung. Lukas spielte wohlweislich 11. .. a6. Die Lösung findet Ihr am Ende des Berichts.

In der Partie setzte Lukas unter günstigen Umständen c6-c5 durch und erhielt eine ansprechende Isolani Stellung. In der Folge tauschte er aber zu viele Figuren und stand im Endspiel schnell kritisch. Die so typische goldene Chance, doch noch ein Remis zu erreichen entdeckte er leider nicht und so ging auch diese Partie verloren.

 

Brett 5: Brychcy, Felix - Köster, Roman

Ich schätze, diese Partie kann man guten Gewissens als verwickelt bezeichnen.

In dieser Stellung glänzte Köster mit 14. ... e5! 15. De5 Sd7 16. Dd4 Lg7! 17. Dd2...

 

... verpasste aber den Schönheitspreis: hier hätte 17. ... Tab8 18. Lxb8 Txb8 gewonnen, weil Weiß gegen die Drohung Db4 machtlos ist. Stattdessen setzte Köster mit 17. ... d4 fort. Felix kämpfte trotz hochgradiger Zeitnot aufopferungsvoll und hätte sich dafür fast noch mit einem halben Punkt belohnen können.

 

Brett 4: Lipinsky, Markus - Schmidbauer, Daniel

Apropos verwickelt:

Stellung nach 21. f6

 

Auch am vierten Brett wurde mit offenem Visier gekämpft. In dieser Stellung hätte Daniel - laut Engine - mittels 21. ... Sxf6 die Oberhand behalten. Er entschied sich jedoch für das ehrgeizige 21. ... Sxf1 22. fxg7 Te8. Was beim schnellen Durchspielen souverän aussieht, wird an einer Stelle vom Computer entzaubert - die Details sprengen den Rahmen. Einmal ins Rollen gekommen wandelte Daniel seine Gewinnstellung überzeugend in einen vollen Punkt um.

Brett 3: Dirr, Ulrich - Meier, Volker

Uli wurde in der spanischen Abtauschvariante von einem neuem Repertoire seines Gegners überrascht. Er verzichtete darauf, die Stellung völlig verflachen zu lassen, um den Ball am Weißbrett im Spiel zu halten. In einem komplizierten Mittelspiel hing seine Stellung nach kleineren Ungenauigkeiten schnell am seidenen Faden. Laut Engine alles im grünen Bereich, aus menschlicher Sicht jedoch extrem unangenehm. Uli verbrauchte viel Zeit und sein erfahrener FM Kollege Volker Meier verstand es, im richtigen Moment Nadelstiche zu setzen, die Uli schließlich auf die Verliererstraße brachten.

Brett 2: Maksimenko, Andrei - Heigermoser, Robert

Robert hatte am zweiten Brett mit GM Maksimenko den nominell stärksten Gegner. Robert hatte sich auf 1. d4 eingestellt, wurde aber nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Ld3 früh mit einer ungewöhnlichen Variante der französischen Verteidigung konfrontiert. Robert setzte mit 3. ... c5 fort und die Partie nahm einen ungewöhnlichen Verlauf, indem beide Spieler viel Bedenkzeit verbrauchten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand Robert gut ins Spiel:

 

Stellung nach 19. Lh4

 

Hier hätte Robert mit 19. ... Lc5 die Initiative übernehmen können, da das natürliche 20. Sb3 wegen 20. ... Lxf2 problematisch ist. Falls Weiß daher zu 20. c3 oder gar 20. Lxf6 genötigt ist, steht Schwarz schon angenehmer.

In diesem komplizierten Mittelspiel verlor Robert dann schließlich doch die Übersicht und sein starker Gegner war zur Stelle. Robert darf aber auf jeden Fall mitnehmen, dass er in einer ab dem 4. Zug frei gespielten Partie gegen einen Großmeister hervorragend ins Spiel kam.

 

Brett 1: Eichler, Christoph - Das, Soham

Spätestens seit meiner Niederlage bei der Münchener Schnellschach Mannschaftsmeisterschaft war ich vor meinem jungen Gegner gewarnt. Sein Schwarzrepertoire ist mit dem Leningrader kämpferisch. Zuletzt folgte ich gegen Holländisch der Empfehlung von Axel Smith in "e3 Poison", ließ mich dieses Mal jedoch auf die Hauptvariante ein. Durch meine Rezension von Stefan Kindermanns ChessBase DVD "der listige Leningrader" hatte ich zumindest einige Anhaltspunkte.

Ich wählte die von Stefan als kritisch besprochene Variante 8. Tb1 und erhielt trotz einer Ungenauigkeit im 11. Zug eine gute Stellung. Hier eine sehenswerte verpasste Chance:

 

Stellung nach 13. ... Sb4

Ich spielte 14. Sg5. Die zweite Wahl der Engine, für einige Sekunden gar die erste Wahl. Allerdings hätte ich stärker fortsetzen können. Wer kommt darauf? Die Lösung wieder unten.

Es entwickelte sich ein komplizierter Kampf, in dem ich - dank der überlegenen Stellung - zunächst die besseren Karten hatte. An einer Stelle ließ ich mich jedoch Bluffen und wickelte in ein (leicht) schlechteres Endspiel ab. Ich war bereits auf langes Leiden (gegen den "listigen Leningrader") eingestellt, als mein Gegner, der seit dem 20. Zug fast keine Bedenkzeit mehr hatte, es "zu gut" machen wollte und dermaßen fehlgriff, dass seine Stellung kollabierte.

Fazit:

In der Summe verdiente Mannschaftspunkte für den SK Tarrasch. Unser Saisonziel, der Klassenerhalt, bleibt aber weiterhin absolut realistisch ...

 

Brett

SK Tarrasch München I

2168

5½ - 2½

MSA Zugzwang II

2119

1

Das, Soham

2367

0 - 1

Eichler, Christoph

2273

2

Maksimenko, Andrei

2374

1 - 0

Heigermoser, Robert

2161

3

Meier, Volker

2272

1 - 0

Dirr, Ulrich

2213

4

Lipinsky, Markus

1999

0 - 1

Schmidbauer, Daniel

2192

5

Köster, Roman

2054

1 - 0

Brychcy, Felix

2078

6

Klenk, Robert

2000

1 - 0

Müller, Lukas

2015

7

Tauber, Manfred

2191

1 - 0

Tebelmann, Lars

2032

8

Reinhard, Chetan

2087

½ - ½

Lerch, Martin

1990

 

... unter anderem durch Team bildende Maßnahmen, wie das Foto unserer vollzähligen gemeinsamen Einkehr beim Schoberwirt belegt:

Die Zweite
V.l.n.r.: Christoph, Martin Erik, Lukas, Lars, Robert, Felix; am Kopfende: Daniel; Hinter der Kamera: Uli

Lösungen:

Brett 6: mit 12. Sxd5! gewinnt Weiß einen Bauern. 12. ... cxd5 scheitert an 13. Lc7 mit Damengewinn und auf 12. ... Sxf4 folgt 13. Sxf4 mit klarem Vorteil.

Brett 1: 14. e5! führt zu großem Vorteil. 14. ... dxe5 und jetzt die Pointe: 15. Sxe5 Dxe5 (sonst folgt Lf4) 16. Lf4 und die schwarze Dame muss sich nolens volens ins weiße Lager begeben. 16. ... Dd4 17. Tbd1 Sd3 18. Le3 und Weiß gewinnt die Figur mit überlegener Stellung zurück.

   
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