Die neunte Runde der Landesliga Süd bescherte uns ein direktes Duell um den (sicheren) Klassenerhalt gegen die Schachfreunde des SK Kriegshaber. Um das rettende Ufer zu erreichen mussten wir den Mannschaftskampf für uns entscheiden, während unseren Gastgebern bereits ein Unentschieden genügt hätte.

Wegen mehrere kurzfristiger Verhinderungen hatte unser Mannschaftsführer Lars alle Hände voll zu tun, die Reise in das 1778 erbaute alte Zollhaus mit einer kompletten Mannschaft anzutreten. Diese erste Hürde meisterte er in gewohnt unermüdlicher und optimistischer Manier. Max und Stefan sei nochmals dafür gedankt, dass sie spontan eingesprungen sind.

Die zweite Hürde besorgte ich, indem ich uns aus dem Regionalzug heraus selbstbewusst in die entgegengesetzte Richtung lotste. Sicheres Auftreten ist die halbe Miete! Zum Glück erreichten wir bald eine unerwartete Abzweigung, die meine Desorientierung auffliegen ließ. Mit der Trambahn waren wir trotzdem noch pünktlich vor Ort.

 

Die sportliche Ausgangslage stellte sich indes als noch größere Herausforderung dar:

 

2 SK Kriegshaber 1 DWZ ELO - MSA Zugzwang 2 DWZ ELO 6½ - 1½
1 1 Lavrinenkov, Vadim 2294 2285 - 2 Eichler, Christoph 2301 2297 ½ - ½
2 2 Reimann, Sebastian 2177 2213 - 3 Heigermoser, Robert 2158 2071 1 - 0
3 3 Bintakies, Michael 2143 2156 - 4 Motl, Martin 2156 2153 0 - 1
4 6 Zehnter, Sebastian     - 11 Tebelmann, Lars 2069 2027 1 - 0
5 7 Reis, Thomas 2127 2193 - 13 Özden, Kadir 1754 1721 1 - 0
6 9 Demel, Paul 2077 2176 - 15 Bühner, Maximilian 1939 1821 1 - 0
7 10 Reimann, Matthias 2039 2017 - 17 Huber, Stefan 1835 2041 1 - 0
8 11 Stör, Andreas 2095 2185 - 19 Heydari, Edwin 1778 1705 1 - 0

 

Nach einer etwas ausführlicheren Vorrede des souveränen Schiedsrichters mit einigen Details zum Hygienekonzept ging es zur Sache.

 

Brett 1 – verpasster Schönheitspreis

 

Im wechselseitigen Bemühen, einer eventuellen Vorbereitung zu entgehen, erreichten mein Gegner und ich eine Art Najdorf im Anzug. Ich konnte mit dem Verlauf der Eröffnung durchaus zufrieden sein, bis ich mich haarsträubend verkombinierte.

 

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Nach meinem letzten Zug 11. d4 (?) war ich mit mir und der Welt zufrieden und erwartete, die vorübergehend geopferte Leichtfigur unter günstigen Umständen zurückzugewinnen. [Aufgabe 1 – leicht]: mit welchem Zug führte mein Gegner mir vor Augen, dass ich mit Zitronen gehandelt hatte?

In der Folge konnte ich meinen Frust soweit im Zaum halten, das beste aus der Situation zu machen und maximalen Widerstand zu leisten. Als ich das Schlimmste überstanden hatte, griff ich erneut fehl. Dieses Mal verrechnete sich mein Gegner seinerseits und bot mir eine sehenswerte Chance.

 

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[Aufgabe 2 – schwer]: Weiß am Zug gewinnt.

 

Statt mir den Schönheitspreis zu sichern, erspähte ich einen forcierten Übergang in ein vorteilhaftes Endspiel, an dessen Anfang meinem Springer die Felder knapp wurden. Hätte ich diese Probleme souveräner gelöst, hätte ich tatsächlich ausgezeichnete Gewinnchancen erhalten. So gingen mir die Bauern aus und am Ende stand ein Remis, was ich aufgrund des wechselhaften Verlaufs als angemessen empfinde.

 

 

Brett 2 – zwei unglückliche Turmzüge

 

Robert kam blendend aus der Eröffnung und hätte vielleicht sogar in Vorteil kommen können. In einem etwa ausgeglichenem Mittelspiel bewies er an diesem Tag leider kein glückliches Händchen für seine Türme.

 

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Hier entschied sich Robert für 21. … Tfe8(?), um seine Türme anschließend mittels 22. … Tad8 in der Brettmitte zu platzieren. Er hätte jedoch besser daran getan, seinen Turm auf der halboffenen f-Linie zu belassen und den anderen Turm mit 21. … Tae8 auf die offene e-Linie zu beordern. Auf d8 leistet der Turm wenig und mir fällt auch kein plausibles Szenario ein, in dem sich die d-Linie öffnet. Stattdessen sollte sich die Räumung der f-Linie rächen. Weiß brach am Königsflügel durch und Robert geriet gehörig unter Druck.

 

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Weiß hat starken Angriff für den geopferten Bauern. Es droht 30. Dg3+, worauf sich 30. … Kh8 wegen des Abzugs 31. Sg6+ verbietet. Der Computer zeigt an, dass 29. … De7 das Gleichgewicht hält. Robert versuchte sich mit 29. … Td6 zu verteidigen. Es folgte 30. Dg3+ Lg7. Der Turm auf d6 macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Aber leider nur auf den ersten Blick.

 

Achtung, Perspektivenwechsel – schadet selten.

 

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[Aufgabe 3 – mittelleicht]: Weiß am Zug.

 

Sebastian Reimann löste die Aufgabe zufriedenstellend und ließ anschließend nichts mehr anbrennen.

 

Brett 3 – Bauernwalze

 

Martin spielte 4. Db3 gegen die slawische Verteidigung. Die Partie schien in ruhigen Fahrwassern zu verlaufen, spitze sich aber zu, nachdem Martin sowohl mit seinem b, als auch später mit seinem g-Bauern ins Zentrum schlug und eine imposante Bauernmasse in Bewegung setzte. Sein Gegner verpasste es gegen Martins etwas ungestümes Vorgehen dynamische Gegenmaßnahmen zu ergreifen und geriet schließlich völlig unter die Räder.

 

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Martins Figuren sind zugegebener Maßen nicht lehrbuchmäßig entwickelt, aber sein massives Bauernzentrum verschafft ihm entscheidende Freiheiten, die er zu nutzen weiß. Es folgte 22. Th3! Lf8 23. Df2 f6 24. Dh4 und der schwarze Monarch ist dem Angriff der weißen Schwerfiguren nahezu schutzlos ausgeliefert. Martin hatte keine Mühe mehr, den vollen Punkt einzufahren. Ein energischer Vortrag.

 

 

Brett 4 – wenn der Gegner einen Sahnetag erwischt

 

...tut sich nicht nur unser Lars schwer. Ein, zwei Ungenauigkeiten genügten, um gegen den ausgezeichnet spielenden Sebastian Zehnter auf die Verliererstraße zu geraten. Gegen 1. b3 gelang es Lars nicht, vollwertig ins Spiel zu kommen. Eine wichtige Entscheidung hatte der Anziehende im 11. Zug zu fällen.

 

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[Aufgabe 4 – mittel ]: Weiß am Zug.

Lars versuchte noch mittels 12. … Dd3 eine Blockade zu etablieren, die jedoch nicht lange standhielt. Im Endspiel kam ihm schnell der Damenflügel abhanden und er musste sich schließlich geschlagen gegeben.

 

 

Brett 5 – Problemfigur schwarzfeldriger Läufer

 

Kadir bekam es mit dem 373 DWZ Punkte höher eingestuften Thomas Reis zu tun. Dieser wählte die eher bescheiden anmutende Variante 3. Dd8 der Skandinavischen Verteidigung. Es entstand eine auch für die Caro-Kann Verteidigung typische Bauernstruktur.

 

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Weiß verfügt über einen gewissen Raumvorteil, die schwarze Festung ist aber nicht leicht einzunehmen.

Zudem gibt es im weißen Lager eine Problemfigur, nämlich den schwarzfeldrigen Läufer. Ich vermute, dass sich Weißspieler schon unzählige Stunden darüber den Kopf zerbrochen haben: wohin mit dem Läufer? Auf g5 kann er sich allenfalls gegen den Springer auf f6 oder den Läufer auf e7 tauschen, auf f4 schaut er oftmals ins Leere und wird womöglich mittels Sd5 angerempelt. Auf e3 und d2 oder b3 steht er tendenziell passiv, solange Schwarz die Stellung nicht mit c6-c5 oder e6-e5 öffnet.

 

Nach dieser Vorrede überrascht es nicht, dass auch Kadirs Läufer keine Zierde seiner Zunft wurde:

 

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Der Vorteil des Nachziehenden ist augenscheinlich. Mit 18. … c5 übernahm der Nachziehende die Initiative und baute seinen Vorteil sukzessive aus. Die Partie erinnert mich an eine lehrreiche Niederlage, die ich als Jugendlicher gegen den Münchener FIDE-Meister Thomas Lentrodt, ebenfalls in der Skandinavischen Verteidigung hinnehmen musste. Obwohl ich alle meine Figuren vorbildlich ins Spiel brachte und keine offensichtlichen Fehler beging, wurde meine Stellung nach und nach schlechter.

 

Zwei Eröffnungsunfälle

 

Brett 6

 

Max wählte die Caro-Kann Verteidigung und wurde von seinem Gegner in der Zweispringer-Variante mit einer aktuellen Theorievariante konfrontiert.

 

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Hier wird auf Großmeisterebene der nicht gerade intuitive Zug 8. … b5 diskutiert. Max entschied sich für 8. … Le7, was einen kleinen Nachteil in kauf nimmt, aber noch nichts Entscheidendes verdirbt.

 

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Spätestens hier hätte Max den weißen Se5 unbedingt ins Visier nehmen müssen. Wahlweise durch 11. … Sd7, 11. … Ld6 oder 11. … Dc7. Unbehelligt wird der Springer zu dominant. Nach 11. … Te8 (?) ist die Lage bereits kritisch. Es folgte 12. d4 c5 13. Td1 cxd4 14. Txd4 Dc7 15. Lf4 Ld6 16. Tad1

 

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Jetzt ist die Misere augenscheinlich. Obwohl Schwarz noch keine materiellen Verluste erlitten hat, ist seine Lage hoffnungslos. Weiß wird in der Folge zwischen verschiedenen Gewinnwegen wählen können.

Max ist mit den schwarzen Steinen erst gar nicht aus dem Startblock gekommen und hatte leider keine Chance, sein spielerisches Können zu zeigen. Ähnlich erging es Stefan an

 

Brett 7

 

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Der Entwicklungszug 7. Sf3 hätte dem Nachziehenden konkretes Wissen oder einiges Kopfzerbrechen abverlangt. Es ist alles andere als offensichtlich, dass 7. … e5 8. d5 Sd4 für Schwarz funktioniert. Wer mag, kann sich gerne überlegen, wie es nach 9. Sxd4 exd4 10. Lxd4 weitergeht. Eine Vorwarnung: das Terrain ist unübersichtlich und ohne abschließende Konsultation eines Computers kaum zu überblicken.

 

Stefan spielte stattdessen das aggressiv anmutende 7. g4. Es folgte 7. … e5 8. d5.

 

Wieder mal von der anderen Seite:

 

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[Aufgabe 5 – leicht]: wie sollte Schwarz fortsetzen?

 

Von hier ab verlor Stefan rasch an Boden und musste im Mittelspiel die Segel streichen.

 

 

Brett 8 – wacker gekämpft

 

Nach seinem hervorragenden Auftritt gegen Haunstetten (Lars berichtete) kam Edwin bereits zu seinem dritten Einsatz in der Landesliga. Edwin spielte in der englischen Eröffnung 3. … f5 und geriet rasch unter Druck.

 

Aus der Perspektive seines Gegners

 

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[Aufgabe 6 – leicht ]: mit welchem Zug manifestierte der Anziehende seinen Vorteil?

 

Edwin kämpfte wie ein Löwe. Sein spielstarker Gegner ließ sich davon jedoch nicht aus dem Konzept bringen und nutze die Chance zu einem hübschen Finale:

 

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[Aufgabe 7 – leicht ] - Weiß am Zug.

 

Fazit

 

Am Ende stand eine deutliche 1,5 zu 6,5 Niederlage. Die Mannschaft vom SK Kriegshaber war an diesem Tag zu stark für uns und hat sich den Klassenerhalt redlich verdient. Für uns bleibt einstweilen der olympische Gedanke und ein kleiner Funfact: unsere erste Mannschaft beendete ihre erste Landesliga Saison (2006/2007) ebenfalls auf Platz 8. [p.s.: danke an Martin Erik, der mich darauf hinwies, dass unsere erste Mannschaft in der Saison 2006/07 ihre erste Regionalliga Saison auf Platz 8 abschloss. Bei ihrem Landesliga Debüt in der Saison 2008/09 erreichte sie Platz 6.]

 

Mein ganz besonderer Dank gilt Lars, der als Mannschaftsführer grandiose Arbeit geleistet hat!

 

Übrigens hat auch der SK Kriegshaber auf seiner Homepage einen lesenswerten Spielbericht veröffentlicht. Hier geht es zu den vollständigen Partien.

 

Lösungen

 

1) nach 11. … Lb6 musste ich mit 12. dxe5 die Figur zurückschlagen und hatte nach 12. … Lxe3 das „Vergnügen“ zwischen dem kleinerem Übel aus 13. fxe3 oder 13. e6 zu wählen. In beiden Fällen steht Schwarz besser.

 

2) Ich spielte 23. Tf3, was den Damentausch nach 23. … hxg5 24. Txe3 erzwingt. Am besten war 23. Sg6+ Kg8 und jetzt nicht 24. De7? was auf den ersten Blick verlockend aussieht, nach 24. … Dg3 allerdings sogar verliert, sondern 24. Txf7!! hxg5 25. Txf8+ Kh7 26. h5! und der schwarze König zappelt im Mattnetz.

 

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3) In der Partie folgte 31. Sf7, was wegen der Fesselung des schwarzen Turms eine Qualität gewinnt. 31. … Kxf7 verbietet sich wegen 32. Dxg7+.

Noch stärker wäre sogar 31. Sc4 gewesen, weil der weiße Angriff nach 31. … dxc4 32. Lxg7 weiteres Material gewinnt. Es droht insbesondere 33. Tf1 Das ist allerdings alles andere als einfach zu erspähen, zumal 31. Sf7 auch zufriedenstellend ist.

 

4) Es folgte 11. Lxf6! Alle drei Rückschlagmöglichkeiten sind unbefriedigend. 11. … Txf6 verliert den Bauern auf b7 und beide Bauernschlagzüge schwächen die schwarze Struktur nachhaltig. Weiß setzt mit 12. Sc3 und 13. Tb1 rasch nach und steht deutlich besser.

 

5) Nach dem Partiezug 8. … Sd4 ist der Bauer fürchterlich vergiftet: 9. Lxd4 exd4 10. Dxd4?? Sxe4 und Schwarz gewinnt. Daher muss Weiß den schwarzen Zentralspringer tolerieren und steht bereits schlechter.

 

6) Weiß sicherte sich mit 15. Sd5 das Läuferpaar. Nach 15. … cxd5 16. cxd5 verliert Schwarz die Figur zurück.

 

7) Sowohl 33. Dxh7 als auch der Partiezug 33. Txh7 setzen im nächsten Zug mit 34. Tg8 Matt.

 

[als Exkurs zur Fleißaufgabe (Brett 7). 10. … Sxe4 funktioniert. 11. Sxe4 und jetzt ist 11. … Dh4 der genauste Zug. Eine kleine Computervariante: 12. g4 Te8 13. Lg2 Lf5 14. Lxg7 Lxe4 15. 0-0 Lxg2 16. Kxg2 Kxg7 17. Dd4+ Kg8 mit Ausgleich. Oder 12. Lxg7 Dxe4+ 13. De2 Dxe2+ 14. Lxe2 Kxg7.]

 

   
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