In der Welt gibt es viele Menschen, die gerne Belehrungen von sich geben. Aber Leute, die sich darüber freuen, belehrt zu werden, gibt es nur wenige.
Jōchō Yamamoto*

 

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[ud] Am letzten Sonntag im Januar mussten wir unser ausgefallenes Spiel vom Dezember nachholen. Es war klar, dass der Sieger des Wettstreits einen großen Schritt weg von den Abstiegsrängen machen würde. Entsprechend intensiv waren die Bemühungen unseres Mannschaftsführers Lars eine schlagkräftige Truppe ins Rennen zu schicken. Da Unterhaching fast immer mit der besten Aufstellung antritt, würde dies auch nötig sein, um zumindest auf dem Papier eine ausgeglichene Ausgangslage herzustellen.

     Wie erwartet wurde es ein spannender und anstrengender Kampf. Einzig unser Spitzenbrett durfte sich bald ausruhen, denn Falk trat mit den schwarzen Steinen gegen unseren früheren Mannschaftskollegen Christoph Eichler an, womit die Partie schnell in den Remishafen hineinsegelte.

     Aufregender ging es am zweiten Brett zu, an dem Erasmus gegen den starken Georg Schmidt spielen musste. Georg fackelte auch nicht lange, sondern zündete schon in der Eröffnung ein wild loderndes Feuer an, indem er seinen g- und h-Bauern zwei Felder nach vorne gegen die weiße Rochadestellung warf.

 

     Der unmenschliche Analyst schlägt an dieser Stelle die mir völlig unbegreifliche Folge 9.b4!!!?? c×b4 10. c×b4 S×b4 11. Sb3 g4 12. Sg5 S×d3 13. D×d3 Le7 14. f4 (oder sogar S×e6) mit klarem Vorteil vor. Wer versteht denn so etwas? Schwarz reagiert auf 9. c4 nicht mit der starken Antwort … g4!, sondern mit dem schwächeren c×d4, was Weiß nach der Folge 10. c×d5 Sd×e5

   

     mit der schönen Kombination 11. d×c6 S×d3 12. Se4 S×c1 13. c×b7 L×b7 14. Da4+ +– hätte beantworten können. Aber auch mit Erasmus’ Fortsetzung blieb Weiß am Drücker und nachdem der Nachziehende weiter an der Stellung zündelte, konnte Weiß die Partie schnell zu seinen Gunsten entscheiden.

     Brett drei entwickelte sich aus der Eröffnung sehr bequem, wie ich beim Hinüberschauen zu meinen glaubte. Allein Jason verfiel in die furchtbare Brychcysche Myoparalyse, sodass er für unsäglich lange Zeit seine Finger nicht mehr bewegen konnte, um einen Zug auszuführen. Glücklicherweise war sein Widerpart friedlich gesinnt – so friedlich, dass in der Schlussposition sogar Jason besser stand. Vielleicht hätte er im zwölften Zug mit … g6 nebst … Lf5 noch mehr herausholen können.

     Brett vier war das Duell Senior gegen Nestor, womit eine schnelle Punkteteilung vorauszuahnen war. Aber genau diese Partie entwickelte sich zur längsten des heutigen Tages. Mit dem besseren Ende für den jüngeren Senior (mehr in den Kommentaren zur Partie).

     Bernhard Czap, ein »Urgestein« Unterhachings, machte unserem angeschlagenen Mannschaftsführer keine Freude. Wie wir ja hinlänglich wissen, wurde noch nie eine Schachpartie gegen einen gesunden Gegner gewonnen! Lars war auf die Partieanlage seines Gegners völlig ratlos, wie er sich am besten dagegen aufstellen sollte. Das kostete Zeit und brachte eine ihm eine schwierige Isolani-Stellung ein.

     Die weißen Figuren haben alle schöne Felder besetzt und es gibt keinerlei Schwachpunkte, während Schwarz nicht so recht weiß, wohin er seine Figuren dirigieren soll. Nach einigen Zügen und Abtausche später wurde es bereits unangenehm für Schwarz. Im 19. Zug bot sich eine einmalige Gelegenheit mittels Bauernopfer eine ausgeglichene Position zu erreichen (19. … Tc8!? 20. S×d5 S×d5 21. T×c8 D×c8 22. L×d5 Td7 23. e4 Dc2!). Leider hat das weder Lars in der Partie, noch haben dies die schlauen Kibitze in der After-Show-Party im Xaver’s gesehen.

     Sein einzig aktiver Zug in der Partie wenig später, hätte ihm gleich eine saftige Verluststellung mit 23. Sc5! eingebracht (die sein Gegner Gott sei Dank nicht ausnutzte). Dann wäre, um den Damenverlust zu verhindern, nur die Wahl zwischen Figuren- oder Qualitätsverlust geblieben. Trotzdem kam keine Begeisterung auf, denn wenig später musste Lars abwarten, ob sein Gegner in ein gewonnenes Endspiel mit Mehrfigur oder Mehrbauern abwickeln würde.

     Nichts für schwache Nerven bot wieder einmal unser Entdecker neuartiger Schachkrankheiten Mr Felix an. Ich habe nur anfänglich die Eröffnung sehen können und das gefiel mir eigentlich ganz gut: Eine scharfe Variante gegen die Sizilianische Verteidigung, die die Schachgötter Fischer und Kasparow bereits gespielt haben. In meiner partiellen Verblödung merkte ich aber gar nicht, dass es nicht der von mir gedachte Velimirović-Angriff war, sondern eine Abart der Najdorf-Verteidigung. O je! Nur litt wie schon zuvor Jason auch Felix an der vermeidbaren Krankheit der Myoparalyse. Das letzte Mal als ich zuschaute, ließ Felix die Uhr auf eine – in Zahlen: 1!!! – Sekunde ablaufen. Mir reichten schon die neuen grauen Haare, die ich mir selbst in meiner eigenen Partie zuzog, aber das war zuviel. Umso schockierender und unglaublicher erfuhr ich kurze Zeit später, dass Felix seinen Gegner mattgesetzt habe!

     Der Schluss wird von Felix trotz fehlender Zeit streng vorgetragen: 21. Dg2 g6 22. h5 L×b5 23. h×g6 f×g6 24. D×g6 Lf6 25. Lh6 Ta7 26. L×f8 D×f8 27. Dg8+ D×g8 28. h×g8D matt.

     Am siebenten Brett hatte Hubert keine leichte Aufgabe vor sich, denn er musste sich gegen den starken بلال erwehren. Ähm, also Bilal. Auf’s Brett kam mit Zugumstellung eine meiner Lieblingseröffnungen: die Vorstoßvariante gegen die Französische Verteidigung. Da bin ich mal gespannt! Hubert schließt schon im 6. Zug die Stellung am Damenflügel mit … c4 ab. Mir persönlich gefällt das nicht, ich will mir mehr Möglichkeiten offen halten. Weiß könnte nun versuchen, mit dem sofortigen 7. Sbd2 nebst b3 den Damenflügel aufzureißen. Nach einigen weiteren Zügen steht Weiß vor der Wahl, wie er auf e5 zurückschlagen soll:

     Bilal greift fehl und nimmt mit dem Bauern, wonach Hubert großen Vorteil erlangt. Mit dem klassischen französischen Qualitätsopfer auf f3 hätte Hubert sehr wahrscheinlich die Partie für sich entschieden!

     Zum Beispiel: 16. … T×f3! 17. g×f3 Sg5 18. De2 (18. Kg2 Tf8 19. Sd2 Lc6 20. b4 De7–+) 18. … Tf8 19. Sd2 d4–+. Im 17. Zug hätte Hubert noch einmal den Springer vorteilhaft nach g5 ziehen können. Aber beide Kontrahenten waren nicht auf Kampf aus und so endete die Partie bereits nach 19 Zügen mit einem Unentschieden.

     Am achten Brett kam Felipe zum Einsatz, der schon im vierten Zug von Schwarz überrascht wurde. Statt mit … Lb7 5. Sf3 d5 in die »normalen« Variantenbäume überzuleiten, wählte Schwarz eine »kreative« Aufstellung. Es passierte eine Weile nichts, bis Felipe im 13. Zug den Stellungscharakter mit dem Bauernvorstoß d4–d5 grundlegend änderte. Mir gefällt das nicht. Ich hätte es bevorzugt, erst die Türme auf gute Felder zu stellen. Egal. Bis zum Zug 25 passierte nichts weltbewegendes mehr. Beide Seiten tauschten munter die Figuren ab, der eine wähnte sich damit im Vorteil, der andere meinte damit auszugleichen.

 

     Beide Spieler wären vermutlich bald in den Remishafen heimgekehrt, bis der Nachziehende die Nerven verlor und seine f-Bauern anfasste, um die Stellung weiter zu vereinfachen oder auf den schwarzen Feldern zu blockieren. Allein, das hätte zum sofortigen Figurenverlust führen müssen:

     Nach 30. g4! Lg2 (30. … f×e5+ 31. Kg3+–) 31. d6+! Kd7 (sonst e6) 32. Lf5+ Kc6 33. Le4+! L×e4 34. K×e4, und das Bauernendspiel ist verloren. Felipe steuerte dagegen schnurstracks auf eine anderes Bauernendspiel hin. Und wenn der Gegner im 34. Zug … b5 gespielt hätte, wäre das Bauernendspiel für Felipe verloren gewesen. Ich denke, dass beide Spieler mal etwas Endspiele pauken sollten.

     Am Ende haben wir zwei wichtige Mannschaftspunkte gewonnen, die uns im Abstiegskampf hoffentlich weiterhelfen werden. Als Schiedsrichter fungierte wieder Armin, der seine Sache unaufgeregt und unbemerkt erledigte. Das ist übrigens ein Kompliment, denn Schiris, die auffallen, bedeuten nichts Gutes. Danach kehrte der harte Kern (leider im Lauf der Jahre ziemlich geschrumpft) ins Xaver’s (vormals Zwingereck) ein, wo wir angenehm überrascht, wohlgelitten waren trotz eines gefährlichen Schachbrettes.

* aus Jōchō Yamamoto. Hagakure: Der Weg des Samurai, 1709–1716.

 


FM Ulrich Dirr's Analyse seiner Partie

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